Ausgrabungsbericht der Stadtarchäologen

Bevor der Bau am UlrichsEck beginnen konnte, waren umfangreiche Ausgrabungsarbeiten notwendig. Dass in der Augsburger Innenstadt mit ihrer Besiedlungsgeschichte seit römischer Zeit archäologisch relevante Funde zu vermuten waren, war vorher klar. Dennoch war die Menge und auch die Art der Funde überraschend. Lesen Sie hier den Ausgrabungsbericht des Augsburger Stadtarchäologen Günther Fleps:

Nicht zuletzt durch die seit den sechziger Jahren unternommenen Ausgrabungen in und um St. Ulrich und Afra ist bekannt,
dass sich hier zur Römerzeit ein ausgedehntes Gräberfeld erstreckte.

Die Gräber waren entlang der Via Claudia, der wichtigen Verbindungsstraße vom römischen Augsburg nach Italien angelegt,
denn damals waren Bestattungen nur außerhalb der Stadtmauern erlaubt.
Die Körpergräber waren ostwestlich ausgerichtet und nahezu alle beigabenlos.
Die spärlichen Funde lassen eine Belegung dieses Abschnittes des Gräberfeldes ab dem späten 4. Jahrhundert n. Chr. annehmen,
mit einer nahtlosen Kontinuität der Bestattungen ins frühe Mittelalter.

Auch auf dem Grundstück am Ulrichsplatz wurden 20 Körpergräber entdeckt, geringe Überreste dieses einst auch an dieser Stelle dicht belegten Gräberfeldes.
Anders als die bislang weiter südlich entdeckten, sicherlich hauptsächlich christlichen Gräber waren etliche Bestattungen hier mit typisch heidnisch-römischen Speise- und Trankbeigaben ausgestattet.

Diese Gräber wurden um die Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. angelegt, wie die Funde belegen.
Es lässt sich somit eine Entwicklung des Gräberfeldes von Nord nach Süd entlang der Römerstraße nachweisen.
Interessant ist, dass sich hier der Übergang vom Heidentum zum Christentum am Wandel in den Beigabensitten aufzeigen lässt.

Ein mit Bronzeblechen verziertes Kästchen aus einem Kindergrab, das zur Zeit restauriert wird, verdeutlicht beispielhaft diese Übergangszeit,
denn auf den Blechen sind römische Götter und christliche Szenen nebeneinander dargestellt.

Vom Frühmittelalter bis ins Hochmittelalter betrieben hier Weber über mehrere Generationen ihr Handwerk.
Um eine für die Verarbeitung von Leinenfasern notwendige, konstant hohe Luftfeuchtigkeit zu erreichen,
errichteten sie in den Boden eingetiefte Grubenhäuser in denen der Webstuhl aufgestellt war.

Aus dem Hochmittelalter stammt ein abgebranntes Holz-Fachwerkgebäude mit Unterkellerung.
Von der beim Brand eingestürzten Kellerdecke blieben verkohlte Deckenbalken und der darüber liegende Lehmfußboden des Erdgeschosses erhalten.
Aufgrund etlicher im Keller gefundenen Schlüssel und eines Schlosses war es wohl die Wohn- und Werkstätte eines Schlossers.

Spätestens ab dem 13. Jahrhundert ist eine kontinuierliche Besiedlung des Grundstücks nachweisbar.
Bevor dieses zum Lechtal hin abfallende Areal bebaut werden konnte, musste der Hang mittels Stützmauern terrassiert werden.
Davon zeugt noch heute die aus dem 14. Jahrhundert stammende Mauer am Afragässchen.

Die überlieferten Anwohner beginnend mit Ulrich Hofmair, Protonotar und Diplomat am Hofe Kaiser Ludwig des IV (des Bayern),
über Rehlinger, Meuting, Rem und Widholz gehören zu den namhaften Augsburger Kaufmanns- und Patrizierfamilien.
Auch die Stridbecks, bedeutende Kupferstecher und Kartenverleger wohnten hier,
bevor das Grundstück in den Besitz der protestantischen Pfarrzeche St. Ulrich überging.

Unter den überaus zahlreichen Funden sind kostbare Gläser, Tafelgeschirr und Speisereste aus dem Besitz der Familie Hofmair
sowie das Bruchstück eines Hauswappens aus gebranntem Ton hervorzuheben.

Ein besonders schönes Fundstück ist eine spätmittelalterliche Madonna aus Elfenbein mit Spuren von Bemalung,
die wohl ursprünglich als Verkleidung eines Reliquienkästchens diente.

Nach Aufarbeitung der Ausgrabungsdokumentation sowie Auswertung und Restaurierung der Funde ist eine öffentliche Präsentation dieser außergewöhnlichen Ausgrabungsergebnisse vorgesehen.

Günther Fleps M.A.
Stadtarchäologie, Wiss. Leiter der Ausgrabungen